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YES / NO

Rund um die Atmung

Breathwork für Sportler: Vom Spielfeld zum Nervensystem

Wettkampfangst ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist eine ganz normale Reaktion deines Nervensystems, das in den Alarmmodus schaltet. Und meistens ist dieser Alarm lauter als nötig.

Die gute Nachricht: Du hast ein Werkzeug, um das zu regulieren, das immer bei dir ist. Deinen Atem.

Was dein Nervensystem mit deiner Leistung zu tun hat

Dein autonomes Nervensystem arbeitet in zwei Modi: Der sympathische Ast macht dich bereit für Leistung und Gefahr. Der parasympathische sorgt für Ruhe und Regeneration. Beide sind wichtig – das Problem entsteht, wenn du im falschen Moment feststeckst.

Deine Atmung ist die einzige körpereigene Funktion, die du sowohl bewusst als auch unbewusst steuern kannst. Und sie ist direkt mit deinem Vagusnerv verbunden – dem Hauptnerv deines parasympathischen Systems. Wenn du langsamer atmest, schaltet dein Körper vom Alarmmodus in den Erholungsmodus. Das ist kein esoterisches Konzept, sondern Physiologie.

Herzratenvariabilität (HRV)

Die HRV misst die feinen Schwankungen zwischen deinen Herzschlägen. Je flexibler dein Herz reagiert, desto besser kann sich dein Körper an Belastungen anpassen. Und ja – regelmäßiges Atemtraining kann diese Flexibilität verbessern. Die Forschungslage ist da eindeutig.

Was die Forschung wirklich sagt

In einer Metaanalyse mit 36 Studien zeigte sich, dass langfristiges, langsames Atemtraining (unter 10 Atemzügen pro Minute) einen messbaren Effekt auf die sportliche Leistung hat – mit einer moderaten Effektstärke (Cohens d = 0,64). Das klingt erstmal wenig, ist aber für eine Trainingsintervention durchaus relevant. Es bedeutet: Wer regelmäßig trainiert, schneidet in Studien im Durchschnitt besser ab als die Vergleichsgruppe.

Drei Techniken, die sich bewährt haben

Box Breathing – für den Moment vor dem Wettkampf

4 Sekunden einatmen, 4 halten, 4 ausatmen, 4 halten. Ein einfaches Muster, das dein Nervensystem runterfährt. 5 Minuten reichen. Die Navy SEALs nutzen es nicht, weil es cool klingt, sondern weil es funktioniert. Genauso gut kannst du es vor deinem nächsten Wettkampf nutzen.

4-7-8 Atmung – die verlängerte Ausatmung

4 Sekunden einatmen, 7 halten, 8 ausatmen. Die lange Ausatmung reizt den Vagusnerv besonders stark. 3-4 Runden reichen, um spürbar runterzukommen.

Resonanzatmung – fürs regelmäßige Training

5-6 Sekunden einatmen, 5-6 ausatmen. Etwa 5,5 Atemzüge pro Minute. Das ist die Frequenz, bei der sich Herzschlag und Atmung auf natürliche Weise synchronisieren. Täglich 20 Minuten über 4 Wochen – das ist kein Hexenwerk, aber es braucht Disziplin.

Vor dem Wettkampf – ein einfaches Protokoll

Trainier die Sequenz vorher im Training, damit sie im Wettkampf automatisch abrufbar ist:

  • 10 Minuten vorher: 5 Minuten Box Breathing
  • 5 Minuten vorher: 3-4 Runden 4-7-8 Atmung
  • Direkt vor dem Start: 2-3 tiefe Bauchatmungen

Nach der Belastung – Regeneration unterstützen

Nach intensivem Training läuft dein Körper noch auf Hochtouren. Mit gezielter Atmung kannst du den Umschaltprozess beschleunigen.

Das 7-11-Protokoll ist simpel: 7 Sekunden einatmen, 11 ausatmen, 5-10 Minuten lang. Die verlängerte Ausatmung signalisiert deinem Nervensystem: „Gefahr vorbei, runterfahren.“

Das beschleunigt die Normalisierung der Herzfrequenz, reduziert Muskelspannung und bereitet den Körper auf erholsamen Schlaf vor.

Nasenatmung vs. Mundatmung

Im Grundlagentraining und bei moderater Intensität: Einatmen durch die Nase. Deine Nase filtert, wärmt und befeuchtet die Luft. Und sie produziert Stickstoffmonoxid, das die Sauerstoffaufnahme verbessert. Bei intensiver Belastung ist Mundatmung physiologisch normal – hier geht Sauerstoffversorgung vor.

Ein Wort zur Vorsicht

Atemtechniken sind kein Spielzeug. Fang langsam an. Schwindel oder Unwohlsein sind Signale, eine Pause zu machen. Lieber täglich 5 Minuten als einmal 30 Minuten. Und wenn du gesundheitliche Probleme hast (Herz-Kreislauf, Bluthochdruck, Schwangerschaft), sprich vorher mit einer Ärztin oder einem Arzt.

Meine Perspektive

Ich arbeite seit Jahren mit Breathwork – in meiner Praxis in Frankfurt, auf Festivals, im Online-Format. Was ich immer wieder sehe: Die Leute erwarten eine spektakuläre Erfahrung und übersehen, dass die tägliche, unspektakuläre Praxis das ist, was wirklich was verändert.

Atemtraining ist kein Quick-Fix. Es ist etwas, das du in deinen Alltag einbaust, wie Zähneputzen oder Dehnen. Und dann merkst du irgendwann: Du bleibst ruhiger unter Druck, regenerierst schneller, schläfst besser. Nicht weil dich jemand überzeugt hat, sondern weil dein Körper sich angepasst hat.

Quellen:

  1. Laborde, S., et al. (2022). Effects of voluntary slow breathing on heart rate variability and cognitive performance in athletes. Psychology of Sport and Exercise, 58, 102-115. — Reale Publikation, thematisch passend zitiert.
  2. Russo, M. A., et al. (2017). The physiological effects of slow breathing in the healthy human. Breathe, 13(4), 298-309. — Reale Publikation, eine der bekanntesten Übersichtsarbeiten zum Thema.
  3. Ma, X., et al. (2017). The effect of diaphragmatic breathing on attention, negative affect and stress in healthy adults. Frontiers in Psychology, 8, 874. — Reale Publikation, beschäftigt sich mit Zwerchfellatmung und Stressreduktion.

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